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Natur · Arten
Naturschutz / Biologische Vielfalt
Stand: Mai 2010
Anhaltender Verlust der biologischen Vielfalt
Zurzeit schwindet die biologische Vielfalt weltweit in einer Geschwindigkeit, wie sie in der Geschichte vorher nicht beobachtet wurde. Die aktuelle Rate des globalen Artensterbens übersteigt die angenommene natürliche Aussterberate um das 100- bis 1.000-fache. Nach Daten der Weltnaturschutzorganisation IUCN sind derzeit weltweit mehr als 16.000 Arten vom Aussterben bedroht, darunter etwa ein Viertel aller Säugetiere, ein Drittel aller Amphibienarten und 12 Prozent der Vogelarten.
Bei den Ökosystemen zeigt sich ein ähnliches Bild: jährlich wird eine Waldfläche von 13 Millionen Hektar zerstört. Karibische Korallenriffe sind bereits zu 80 Prozent zerstört (TEEB - The Economics of Biodiversity and Ecosystems 2008), 35 Prozent aller Mangroven wurden innerhalb der letzten 20 Jahre vernichtet.
Auch in Deutschland ist es um die heimische Natur nicht gut bestellt: 72 Prozent aller Lebensräume sind gefährdet oder sogar akut von Vernichtung bedroht, so die Rote Liste der Biotoptypen von 2006. Von den einheimischen Wirbeltierarten Deutschlands (ohne Meeresfische) sind gemäß Roter Liste von 2009 35 Prozent, von den Gefäßpflanzenarten gemäß Roter Liste von 1996 28 Prozent ausgestorben oder bestandsgefährdet.
Einen Überblick über die Gefährdung von Arten und Lebensräumen in Deutschland liefern die nationalen Roten Listen gefährdeter Arten, Pflanzengesellschaften bzw. Biotope; einen weltweiten Überblick geben die Roten Listen von IUCN.
Ausgestorbene Prominente
Im Dezember 2006: Chinesischer Flussdelfin (Baiji)
Der chinesische Flussdelfin ist wahrscheinlich als erste Walart (Flussdelfine gehören zu den Zahnwalen) ausgestorben; Fossilienfunde zeigen, dass der fast blinde chinesische Flussdelfin den Jangtse schon vor 20.000 Jahren besiedelt hat. Der Mensch hat ihm den Lebensraum genommen. Verschmutzung, Überfischung und Verletzungen durch Schiffschrauben drängten den Baiji immer mehr zurück. Das letzte Exemplar wurde im September 2004 gesichtet.
Im Jahr 2000: Pyrenäen-Steinbock (Pyrenean Ibex)
Vor ein paar hundert Jahren war der Pyrenäen-Steinbock überall in Spanien verbreitet. Jedoch wurde die Anzahl der Tiere Ende des 19. Jahrhunderts aufgrund von massiver Bejagung auf weniger als 100 Tiere reduziert, so dass sie der Ausrottung nahe waren. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts wuchs die Population nie über über 40 Exemplare hinaus. 1981 waren es bereits nur noch 30 Tiere, 1990 schließlich noch 10 Individuen und das letzte Tier dieser Gruppe starb im Jahre 1999.Vermutlich um 1970: Kaspischer Tiger
Ursprünglich war der Kaspische Tiger weit über Westasien verbreitet. Er kam von der Mongolei und Südrussland über Westchina, die zentralasiatischen ehemaligen Sowjetrepubliken, Kaukasien und Transkaukasien bis Kleinasien, Afghanistan, Persien und Mesopotamien vor. Durch heftige Nachstellungen, Lebensraumverluste sowie durch die Bestandsabnahme seiner Hauptbeutetiere wurde der Kaspische Tiger vor allem im 20. Jahrhundert immer seltener und verschwand aus den meisten Gebieten. Wann der letzte Kaspische Tiger starb, ist nicht genau bekannt. Meist werden die 1970er Jahre als Zeitpunkt für das Aussterben der Art genannt.Ursachen des Biodiversitätsverlusts
Der Mensch - entweder direkt oder indirekt - ist der Hauptverursacher dieses Rückgangs der biologischen Vielfalt. Alle drei Bestandteile der biologischen Vielfalt sind bedroht:
Die Artenvielfalt ist insbesondere durch die direkte Übernutzung von Arten, z.B. die Überfischung von Meeresfischen wie Kabeljau, Schellfisch oder Heilbutt, und durch Lebensraumverlust bedroht. So findet sich auch der Eisbär auf der IUCN Liste der bedrohten Arten - sein Lebensraum, das Eis, schmilzt ihm unter den Pfoten weg. Noch leben weltweit etwa 20 000 bis 25 000 Eisbären. Aufgrund der zahlreichen Bedrohungen allerdings werde dieser Bestand in den nächsten 45 Jahren um 30 bis 50 Prozent zurückgehen, fürchten Experten. Räumliche Ausweichmöglichkeien gibt es für den Eisbär als Kältespezialisten nicht.
Die Lebensraumvielfalt ist vor allem bedroht durch Bebauung, Zerschneidung und Zerstörung natürlicher Landschaften (u.a. Siedlung/Verkehr, Abgrabungen), Intensivierung der Land- und Forstwirtschaft (Umwandlung von Naturflächen in Acker- und Weideland, Pestizideinsatz, Düngung, Strukturverarmung, Entwässerung etc.), Wasserbau (Begradigung von Fließgewässern), durch Naturkatastrophen, Eintrag von Schad- und Nährstoffen in Luft, Meere, Flüsse und Böden und den Klimawandel.
Der Klimawandel hat bereits jetzt dramatische Auswirkungen auf die biologische Vielfalt. Die Erderwärmung beeinträchtigt insbesondere ökologisch sensible Ökosysteme, wie beispielsweise Korallenriffe, Hochgebirge und die Polarzonen. Ganze Regionen und ihre Lebensräume – etwa der brasilianische Amazonasregenwald - drohen zu vertrocknen. Der Zwischenstaatliche Ausschuss für Klimafragen IPCC prognostiziert bis Ende dieses Jahrhunderts den Verlust eines Drittels aller heute lebenden Arten.
Die genetische Vielfalt ist bedroht durch Einengung des Spektrums genutzter Arten, Rassen und Sorten in der Landwirtschaft. Beim Reis werden beispielsweise nur zwei Arten weltweit kultiviert. Dabei kann genetische Vielfalt das Überleben von Arten sichern. In den 70er Jahren vernichtete ein aggressives Virus Reisfelder von Indien bis Indonesien, worauf über sechstausend Reissorten auf ihre Resistenz gegen das Virus getestet wurden. Ergebnis: Nur eine einzige Sorte besaß Gene, die sie gegen die Krankheit resistent machten. Diese Sorte konnte dann weitergezüchtet werden und sicherte zukünftige Ernten und die Ernährung von vielen Millionen Menschen.
Auswirkungen des Biodiversitätsverlusts
Der Verlust an biologischer Vielfalt hat vielfältige und folgenschwere Auswirkungen.
Die verschiedenen Arten innerhalb eines Ökosystems stehen in vielfältigen Wechselbeziehungen miteinander und damit auch in Abhängigkeit voneinander. Lebewesen einer Art üben positiven (Bsp. Symbiosen) und negativen (Bsp. Räuber-Beute-Beziehung) Einfluss auf Lebewesen einer anderen Art aus. Über solche Beziehungen werden Populationsgrößen und -dichten geregelt. Den Verlust einzelner Arten kann ein System verkraften; hält jedoch das Artensterben an, wird das Gefüge zunehmend destabilisiert und kann irgendwann ganz auseinander brechen.Ökosysteme, die über eine große genetische und Artenvielfalt verfügen, können hingegen Umweltveränderungen wie Klimawandel oder Verschmutzungen besser abfangen, d.h. sie entwickeln eher Anpassungsstrategien. Die Funktion der biologischen Vielfalt ist hier vergleichbar mit den Aufgaben eines Immunsystems.
Der Verlust an biologischer Vielfalt ist aber nicht nur aufgrund des Eigenwertes der Natur besorgniserregend. Denn die biologische Vielfalt ist die "Datenbank der Natur", Rohstoffbasis einer wachsenden Weltbevölkerung und Lebensversicherung vor allem für die Menschen in armen Ländern, kurz: sie sorgt für die Grundlagen unserer Existenz. Die Natur liefert Nahrung, sauberes Wasser, fruchtbare Böden, Brennstoffe und Medikamente. Insekten sichern unsere Ernten, indem sie Obst- und Gemüsepflanzen bestäuben. Wälder schützen uns vor Überschwemmungen, speichern große Mengen Kohlendioxid und wirken damit gegen den Klimawandel. Die Palette der Leistungen der Natur ist so vielfältig wie die Natur selbst.
Einige konkrete Beispiele:
Die Natur hält zahllose giftige und zugleich wertvolle Substanzen bereit. Pflanzen beispielweise vertreiben Schädlinge und Fressfeinde mit Gift- und Bitterstoffen. Für uns Menschen ist dies ein Glücksfall: denn wo Gift ist, ist auch Wirkung. Traditionelle ebenso wie klassisch ausgebildete Mediziner nutzen die Abwehrstoffe der Pflanzen und Tiere für das Wohl der Menschen. So werden die Bitterstoffe von Tausendgüldenkraut und Enzian zur Stärkung des Körpers wie auch bei nervlicher Anspannung und Alkaloide von Tollkirsche und Mohn gegen Herzbeschwerden und Schmerzen eingesetzt.
Die Natur ist auch Vorbild für viele technische Lösungen: Für schmutzabweisende Fassaden standen die Blätter der Lotusblume Pate, Autos oder Schiffe werden Pinguinen mit ihrem geringen Luft- oder Wasserwiderstand nachgeahmt, Byssusfäden von Muscheln sind Vorbild für einen Dreikomponentenkleber, der sogar wasserfest ist, und die leicht gewölbten Flügel von Vögeln inspirierten bei der Konstruktion von Flugzeugtragflächen.
Rund 35 % der Welt-Nahrungsproduktion hängt von der Leistung blütenbesuchender Insekten ab (FAO 2008). Tropische Früchte, Gewürz- und Arzneipflanzen, zahlreiche Nutzpflanzen wie Baumwolle und rund 80% aller Wildpflanzen brauchen eine solche Bestäubung.
Der Verlust der biologischen Vielfalt ist demzufolge kein "Luxusproblem" - er bedeutet vielmehr die Gefährung der Existenz- und Wirtschaftsgrundlage der gesamten Menschheit und die Einschränkung künftiger Entwicklungsmöglichkeiten. Dass der Verlust von biologischer Vielfalt und den damit verbundenen genetischen Ressourcen zur Überlebensfrage werden kann, zeigt folgendes Beispiel:
Der australische Magenbrüterfrosch brütet seinen Nachwuchs im Magen aus. Die Kaulquappen sondern im Magen der Mutter ein Sekret ab, das die Zersetzung durch Magensäuren und Enzyme verhindert. Erste Untersuchungen nährten die Hoffnung auf ein neues Medikament gegen Magengeschwüre. Da aber die beiden einzigen Magenbrüterarten ausstarben, bevor die Studien beendet werden konnten, gingen die medizinischen Geheimnisse dieser Art für immer verloren.
Für die Bevölkerung in Schwellen- und Entwicklungsländern, die zur Sicherung ihrer Existenzgrundlagen ganz unmittelbar von Dienstleistungen der lokalen Ökosysteme abhängig ist, sind die Folgen des Verlusts der Biodiversität und ihrer Ökosystemdienstleistungen am schwerwiegendsten. Beispielsweise decken ca. 70 - 80 Prozent der Bevölkerung in Entwicklungsländern die primäre Gesundheitsversorgung mit traditionellen Heilmitteln, hauptsächlich Heilpflanzen ab. Etwa 80 Prozent der ländlichen Bevölkerung Afrikas hängt mehr oder weniger von dem ab, was in der freien Natur geerntet werden kann. Die biologische Vielfalt ist damit wertvolles Kapital, das kurzfristig durch nichts ersetzt werden kann.
Laut der Weltökosystemstudie "Millennium Ecosystem Assessment" (MA) sind gut zwei Drittel der lebenswichtigen Leistungen von Ökosystemen rückläufig, da sie durch übermäßige Nutzung und den Verlust der Artenvielfalt erheblich beeinträchtigt werden. Das MA ist die bislang umfassendste Studie zum Zustand und den Entwicklungstrends der Ökosysteme der Erde. Das MA wurde im Jahre 2001 von den Vereinten Nationen in Auftrag gegeben und von über 1300 Wissenschaftlern aus 95 Ländern innerhalb von vier Jahren erarbeitet. Es behandelt den Zustand und die Entwicklung der Ökosysteme und ihrer Dienstleistungen in den letzten 50 Jahren und betrachtet die Abhängigkeit menschlichen Wohlergehens von diesen Ökosystemdienstleistungen.
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