Bundesumweltminister Carsten Schneider im Interview: "Tschernobyl ist kein abgeschlossenes Kapitel"

23.04.2026
Carsten Schneider hält eine Rede.
Der Reaktorunfall in Tschernobyl vor 40 Jahren war eine historische Zäsur – mit Folgen, die bis heute andauern. Im Interview mit dem Donaukurier spricht Bundesumweltminister Carsten Schneider über die Konsequenzen der Katastrophe.

Donaukurier: Herr Schneider, Sie waren zehn Jahre alt, als sich die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl ereignete. Sie lebten in Erfurt. Woran erinnern Sie sich?

Carsten Schneider: Wir haben natürlich schon Westfernsehen geschaut. Auffällig war die unterschiedliche Berichterstattung: Im Osten war alles deutlich gedämpfter. Was mir besonders im Gedächtnis geblieben ist, war aber etwas ganz Alltägliches: Plötzlich gab es Lebensmittel, die sonst knapp waren. Obst und Gemüse, die normalerweise exportiert wurden, blieben im Land – aus Angst vor Strahlung fanden sie keine Abnehmer mehr. Für ostdeutsche Verhältnisse hatten wir zeitweise fast ein Überangebot. Deshalb war die Katastrophe in meiner unmittelbaren Alltagserfahrung als Kind gar nicht so negativ präsent. Natürlich gab es später auch Sicherheitshinweise, etwa zum Verzehr von Wild oder Pilzen.

Hat Tschernobyl auch das Vertrauen in die DDR erschüttert?

Nein, das war nicht der Fall. Wir hatten keine direkten Opfer, bei uns starb niemand wegen des Reaktorunfalls. Tschernobyl trug zu keiner Anti-Atomkraftbewegung wie im Westen bei. Wir hatten kein Wackersdorf. Das Vertrauen in den Staat war ohnehin schon beschädigt – und die massive Umweltzerstörung spielte da eine Schlüsselrolle. Es wird heute bisweilen übersehen, dass nicht nur der Wunsch nach Demokratie, nach Reisefreiheit, sondern auch nach einer gesunden, lebenswerten Natur die Menschen auf die Straße trieb. Die Saale, das war ja eine Plörre. Die Menschen haben gesehen, gerochen und erlebt, wie Luft, Wasser und Böden verschmutzt wurden. Die Umweltbewegung war deshalb eine der treibenden Kräfte für den gesellschaftlichen Wandel.

In Süddeutschland gelten bis heute Einschränkungen für bestimmte Lebensmittel. Was ist noch messbar?

Radioaktive Belastungen sind teilweise noch vorhanden. Zwei Stoffe waren entscheidend: Jod, das schnell zerfiel, und Cäsium mit einer Halbwertszeit von rund 30 Jahren. Etwas mehr als die Hälfte ist inzwischen abgebaut. Langfristig nimmt die Belastung ab, aber aus biologischen Gründen schwankt sie auch von Jahr zu Jahr. Wer sich informiert und nicht übertreibt, geht heute kein großes Risiko beim Verzehr etwa von selbstgesammelten Pilzen oder Wild ein. Nur große Mengen sollte man in bestimmten Regionen weiterhin vermeiden. Das Bundesamt für Strahlenschutz bietet hierzu sehr gute Informationen. Waren aus dem Handel sind unbedenklich, da sie die vorgegebenen Grenzwerte einhalten müssen.

Sie waren kürzlich im Austausch mit ukrainischen Regierungsvertretern. Welche Rolle spielt Tschernobyl heute noch?

Die Region um den Reaktor bleibt Sperrgebiet. Die Anlage ist weiter ein Sicherheitsrisiko und muss ständig überwacht werden. Tschernobyl ist kein abgeschlossenes Kapitel, sondern eine dauerhafte Aufgabe. Unlängst flog eine Drohne in die neue Schutzhülle des Reaktors und hat gravierende Schäden verursacht. Der Bau muss repariert werden. Ich bin dafür, dass Deutschland sich daran finanziell beteiligt. Die Sicherheit der Atom-Ruine ist auch in unserem Interesse.

Die Ukraine setzt noch auf Atomkraft. Und wir stellen uns so an?

Jedes Land entscheidet souverän über seine Energiepolitik. Ich sehe allerdings keinen wirtschaftlich tragfähigen Fall für neue Atomkraftwerke ohne massive staatliche Unterstützung, auch in der Ukraine nicht. Ich möchte mal ein Wort zur angeblichen Renaissance der Atomkraft sagen. Ich war vor Kurzem in China und habe das Thema dort angesprochen. China hat nach dem Atomunfall von Fukushima den Bau von rund 50 Atomkraftwerken im Landesinneren eingestellt, auch weil die Anwohner dagegen waren. Nicht in meiner Nachbarschaft – diese Mentalität bei AKW ist inzwischen auch in China verbreitet, das neue Reaktoren nun in den Küstenprovinzen baut, wo es weniger Widerstand gibt. China setzt auch verstärkt auf Erneuerbare.

Deutschland importiert aber Atom-Strom aus Nachbarländern. Ist das kein Widerspruch?

Der Strom hat keine Farbe. Im europäischen Markt wird Strom gehandelt, manchmal importieren wir, manchmal exportieren wir – übrigens auch nicht selten erneuerbaren Strom nach Frankreich. Atomkraft bleibt immer ein Risiko – auch über Grenzen hinweg. Absolute Sicherheit gibt es nicht. Deshalb stehen wir im Austausch mit Nachbarländern und internationalen Organisationen zu Sicherheitsfragen. Wir bringen uns ein, wenn Nachbarländer an unseren Grenzen Anlagen betreiben oder neue planen.

Sie haben den Atomausstieg mitgetragen. Würden Sie die Entscheidung wieder so treffen?

Ja. Ich würde sie wieder treffen. Und ich möchte etwas zu den aktuellen Debatten sagen. Die vor drei Jahren abgeschalteten drei Reaktoren wieder ans Netz zu nehmen, ist eine politische Geisterdebatte. Die Betreiber wollen das selbst nicht und treiben den Rückbau energisch voran. Neue Atomkraftwerke würde ich auch keinesfalls empfehlen. Sie sind extrem teuer, brauchen Jahrzehnte bis zur Fertigstellung und helfen uns bei aktuellen Energieproblemen nicht. Von der Planung bis zur Inbetriebnahme vergehen rund 25 Jahre. Atomkraft löst kein einziges Energieproblem kurzfristig. Der Ausbau erneuerbarer Energien ist günstiger, schneller und sicherer.

Befürworter argumentieren mit Versorgungssicherheit und niedrigen Kosten.

Das hält einer genaueren Prüfung nicht stand. Projekte in Europa zeigen, dass die Kosten massiv steigen und sich Bauzeiten um viele Jahre verzögern. Der Staat müsste mit Milliarden-Summen in Vorleistung gehen. Gleichzeitig bleibt das Endlagerproblem ungelöst. Atomkraft ist keine nachhaltige Lösung, sondern eine Scheinlösung.

Und was ist mit kleinen modularen Reaktoren, wie sie etwa die CSU fordert?

Das ist derzeit vor allem Theorie. Es gibt kaum Anlagen im realen Betrieb, keine Serienfertigung und weder belastbare wirtschaftliche Modelle noch vertrauenswürdige Hinweise, dass diese sogenannten SMR die blumigen Versprechen der Industrie erfüllen könnten. Zudem bleiben die Risiken bestehen – gerade auch mit Blick auf Sicherheitsfragen oder mögliche Angriffe. Ich halte das für eine Illusion. Technisch ist es mehr alter Wein in neuen Schläuchen und in Summe machen sie sogar mehr Probleme als große Anlagen.

Sie setzen stattdessen auf erneuerbare Energien. Die Wirtschaftsministerin erklärt, dass sie erst ein Fünftel des Bedarfs decken?

Die Rechnung führt in die Irre, da sie sich auf den Primärenergiebedarf bezieht. Der umfasst die gesamte Energie, inklusive der gewaltigen Umwandlungsverluste, die nur dadurch entstehen, dass wir die ineffizienten Energieträger Kohle und Öl einsetzen, statt auf deutlich effizientere elektrische Lösungen zu setzen. Bei der Stromerzeugung sind wir schon deutlich weiter. Wir liegen derzeit bei gut 55 Prozent erneuerbaren Energien im Strombereich und wollen bis 2030 auf rund 80 Prozent kommen. Und das ist dann auch die Basis für eine stärkere Elektrifizierung im Verkehr und bei der Wärmeversorgung. Insofern sind die Erneuerbaren stärker, als die Kollegin meint. Ich stimme aber zu, dass wir sie noch schneller ausbauen sollten.

Es gibt eine Debatte über ein Tempolimit als Reaktion auf den Energiepreisschock. Wie stehen Sie dazu?

Ich habe nichts gegen ein Tempolimit, das ist seit langem SPD-Position. Aber die Leute brauchen gerade auch keine Ratschläge aus der Politik. Die meisten fahren doch ohnehin schon langsamer, um Sprit zu sparen. Zumindest wenn sie den Sprit selbst bezahlen müssen. Viele Menschen merken gerade sehr konkret, wie abhängig wir von globalen Entwicklungen sind. Ich sehe, dass die aktuelle Krise die Elektromobilität attraktiver macht. Dazu trägt mein neues Förderprogramm bei, das jetzt schon wirkt. Und eben die Erkenntnis, dass man mit einem Elektroauto weniger anfällig für Preisschocks ist.

Das Gespräch führte Thomas Vitzthum.

© Donaukurier Ingolstadt

23.04.2026 | Medienbeitrag Nukleare Sicherheit

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