Rede von Bundesumweltminister Carsten Schneider anlässlich der AI Conference 2026: Green AI neu denken

06.10.2026
Carsten Schneider auf der Bühne bei der AI-CONFERENCE 2026 "Green AI neu denken" im ZUG-Gebäude
Carsten Schneider eröffnete die AI CONFERENCE 2026 "Green AI neu denken" mit einer Rede und ging darauf ein, wie sich Umweltwirkungen entlang des gesamten KI-Lebenszyklus messbar und verantwortungsvoll gestalten lassen.

– Es gilt das gesprochene Wort! –

Schönen guten Morgen sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrte Constanze Haug,
liebe Gäste,

ich bin 1998 in den Deutschen Bundestag gewählt worden, einige von Ihnen waren da noch gar nicht geboren. Damals haben wir die Briefe aus meinem Wahlkreis Erfurt nach Bonn noch mit der Post geschickt, damit ich sie unterschreiben kann. Es gab nämlich noch keine E-Mails, im Bundestag zumindest. Die Suchmaschine Google ging damals an den Start. Genau an dem Tag der Bundestagswahl, am 27. September '98. Wenn man damals ins Internet wollte, musste man sich per Modem einwählen. Und wenn man dann drin war, dann war der Anschluss besetzt. Da hatte man Ruhe.

Aus technologischer Sicht ist das eine Ewigkeit her. Auf die Internet-Revolution folgte die Smartphone-Revolution. Und mittlerweile hat die KI-Revolution Einzug gehalten. Künstliche Intelligenz ist unser ständiger Begleiter geworden. Im Auto bei der Verkehrssteuerung, die in Echtzeit aktuelle Staus erfasst. Und das funktioniert, die Staus werden angezeigt. Bei der Reiseplanung, wo KI uns individuelle Routen erstellt. Oder wenn man nach Rezepten sucht, wenn der Kühlschrank abends halb leer ist, aber noch ein bisschen was da: Wie bringt man das zusammen? Für mich sehr hilfreich.

Künstliche Intelligenz ist eine Technologie, die Wirtschaft und Gesellschaft grundlegend verändern wird wir sind mittendrin. Das haben zwar auch schon andere Technologien und Geräte getan. Aber neu ist die unfassbare Geschwindigkeit, mit der das passiert. So schnell, dass die Entwickler selbst – Sie haben das wahrscheinlich gesehen – den UN-Sicherheitsrat gewarnt haben, man könne die Kontrolle verlieren. So schnell, dass OpenAI sein neuestes KI-Modell zurückhält, weil nicht sicher ist, ob es nicht doch zu eigenständig ist.

Umso wichtiger ist es, dass wir als Gesellschaft schnell einen guten Umgang mit der KI finden und vor allem auch ethische und moralische Grenzen definieren. Sie diskutieren heute hier darüber und deswegen herzlich willkommen zur AI Conference hier in der ZUG. Ich freue mich, dass so viele unserer Einladung gefolgt sind.

Jede neue Technologie verändert unseren Alltag, im besten Fall vereinfacht sie ihn auch. Aber jede Technologie birgt auch Risiken. Und jede neue Technologie braucht – das habe ich mir eben auch anschauen können hier an einem der Beispiele – neue Ressourcen. Das gilt für die KI genauso wie es einst für die Dampfmaschine oder die Atomkraft galt. Wir sind mittendrin im globalen Wettlauf um immer größere Rechenzentren und immer wirkungsvollere KI-Modelle – und wir sind gut beraten, uns mit deren potenziellen Risiken auseinanderzusetzen. Ein Risiko sind ohne Zweifel die Auswirkungen auf die Umwelt. Die Server in den Rechenzentren, sie laufen permanent. Das verbraucht gewaltige Mengen Strom. In Deutschland haben 2025 die Rechenzentren allein etwa vier Prozent des gesamten Stroms verbraucht. Mehr noch: Sie benötigen auch Wasser, um ihre Anlagen zu kühlen. Sie nehmen große Flächen in Anspruch, verändern also unsere Landschaft. Und wenn die KI-Chips nicht mehr gebraucht werden, landen sie im Sondermüll.

Deshalb sind nicht alle darüber begeistert, wenn vor ihrer Tür ein Rechenzentrum entsteht. Diese Diskussion kann man sehr gut in den USA nachvollziehen. Ich war vor ein paar Wochen dort, aber auch in den Zeitungsberichten der New York Times ist das ständiges Thema. Die Demokraten und auch Teile der MAGA-Bewegung haben das zu einem der entscheidenden Punkte für die politische Auseinandersetzung in den Vereinigten Staaten für die Midterm-Elections im November gemacht. Aber auch hier in Deutschland – Sie hören vielleicht, ich komme aus Thüringen – gibt es Widerstände. Das ist nicht nur eine Heilsbotschaft, die verkündet wird, wenn sich ein Rechenzentrum ansiedelt. Wir haben zwei große Entscheidungen diesbezüglich, in Lübbenau und in Rostock. Das ist sehr viel umbauter Raum, sehr viel Energieverbrauch, sehr viel Flächenverbrauch und wenige Arbeitsplätze direkt dort. Ich unterstütze diese Investitionen grundsätzlich, weil sie uns auch unabhängig machen. Und wir brauchen, insbesondere was die digitale Infrastruktur betrifft, eigenständige europäische Modelle. Sowohl was die Software, aber auch was die Hardware betrifft. Aber die Akzeptanz in der Bevölkerung wird nur entstehen, wenn diese Rechenzentren so effizient wie nur möglich sind. Sowohl was den Wasserverbrauch betrifft als auch insbesondere die Energieversorgung. Ich konnte mir hier eben ein Beispiel anschauen, wo es um die Frage von Abwärme geht und wie sie genutzt wird.

Das zeigt aber auch, wie viel sozialer Sprengstoff in dem Thema liegt. Und wie viele Ängste damit verbunden sind: Was ist mit meinem Job? Ich habe heute gelesen: Kein Tag ohne die Ankündigung eines großen Unternehmens, Stellen im mittleren Management zu streichen. Kein Tag. Auch das muss eine soziale Marktwirtschaft, muss eine Gesellschaft wie unsere aufnehmen und die sozialen Folgen auch mitbedenken. Ich möchte, dass wir das von Anfang an ernst nehmen und dass wir die marktwirtschaftlichen Chancen nutzen, aber – insbesondere weil ich hier als Umweltminister bin – auch die Ressourcen schonen.

Es geht um einen umfassenden Blick: von der Chip-Herstellung über den Rechenzentrumsbetrieb bis hin zum späteren Recycling aller genutzten Komponenten. Wer Hardware entwickelt, muss auch das spätere Recycling heute schon mitplanen. Und der steigende Bedarf an Energie und Kühlwasser muss durch erneuerbare Energien und möglichst geschlossene Kühlkreisläufe gedeckt werden.

Für all das gibt es einen Begriff: "Green AI". Und das ist nicht nur ein Umweltthema, sondern auch eine Chance für Wachstum und Wohlstand.

Deswegen sind drei Punkte aus meiner Sicht in diesem Zusammenhang besonders wichtig:

Erstens: Die Bevölkerung vor Ort akzeptiert Rechenzentren nur, wenn sie einen konkreten Nutzen davon hat. Fair wäre es zum Beispiel, wenn die Rechenzentren ihre Abwärme kostenlos ins Wärmenetz abgeben würden. Wie das mit Hilfe von KI klappen kann, zeigt das eine Beispiel in der Ausstellung, das ich eben schon erwähnt habe. Gut wäre es auch, wenn mit der Ansiedelung eines neuen Rechenzentrums neue Wertschöpfung vor Ort entstünde. Gerecht muss es auch bei der Verteilung von Wasser zugehen: Es kann nicht sein, dass Rechenzentren ungesteuert Wasser verbrauchen, das dann anderswo fehlt. Und wir sind in Zeiten, in denen Wasserknappheit eine zunehmende Bedrohung für unsere Wirtschaft und für unser Leben ist. Deswegen ist es so wichtig, das Wasser, das verbraucht wird, möglichst lang in einem Kreislauf zu halten und so effizient wie es nur geht zu nutzen. Dazu brauchen wir auch die europäischen Regulierungen.

Damit Kommunen – das ist ein entscheidender Punkt – von der Ansiedelung eines Rechenzentrums profitieren, haben wir als Bundesregierung eine Änderung der Gewerbesteuer-Zerlegung auf den Weg gebracht.

Klingt technisch, ist es auch. Ist aber entscheidend, weil die Frage ist, wie viel Geld, wie viel Steuereinnahmen in der Gemeinde vor Ort bleiben. Nur wenn Teile der Wertschöpfung und damit Teile der Steuerkraft im Ort bleiben und damit das soziale Leben im Ort mitfinanzieren und stärken, dann gibt es dafür auch Akzeptanz. Deswegen ist diese Gesetzesänderung ziemlich entscheidend und ich werbe sehr dafür, das im Bundestag und Bundesrat so umzusetzen. Sonst würde es so bleiben wie bisher: Am Hauptsitz des Besitzers würde die Gewerbesteuer abgeführt. Und das wäre höchstwahrscheinlich mal wieder in München. Nichts gegen München, aber Deutschland ist ein föderales Land und wir brauchen die Steuerkraft im ganzen Land, insbesondere da wo auch die Lasten sind.

Zweitens: KI ist eine riesige Chance für die Kreislaufwirtschaft, für die ich ja auch zuständig bin, und damit zentral für Umwelt- und Klimaschutz. Sie beschleunigt zum Beispiel die Sammlung von Daten, die wiederum helfen, Produktionsabläufe in Unternehmen zu verbessern. Dadurch können Ressourcen eingespart werden. Oder Maschinen können besser gewartet werden, um eine längere Lebensdauer zu erhalten.

Deutsche Unternehmen – vor allem aus dem Mittelstand – sind führend bei Technologien für die Kreislaufwirtschaft. Diesen Vorsprung müssen wir sichern, indem wir den Einsatz von KI in der Kreislaufwirtschaft voranbringen.

Mein dritter Punkt: Der Blick in die industrielle Praxis zeigt, dass nicht jede spezifische Anwendung ein gigantisches KI-Modell braucht. Manchmal reicht auch die kleinere Alternative. Für konkrete, hochspezialisierte industrielle Anwendungsfälle sind schlanke KI-Modelle oft deutlich schneller und günstiger – und in den Ergebnissen auch präziser.

Ein Beispiel: Deutsche Unternehmen sind immer noch führend im Maschinenbau. Sollen sie auch bleiben. Wir verfügen über gewaltige Datenschätze aus Jahrzehnten industrieller Wertschöpfung. Wenn wir diese Daten mit der Innovationskraft unserer Start-ups verknüpfen, sichern wir nachhaltiges Wachstum, und zugleich unsere technologische Souveränität. Wir haben einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil mit diesen Daten aus der Industrie. Wir sollten ihn nutzen.

Vor wenigen Wochen habe ich ein Frühwarnsystem für Starkregen im Landkreis Fulda mit einem Preis ausgezeichnet. Das System nutzt KI, um in Echtzeit Daten auszuwerten von Gewässern, Pegelständen und Niederschlagsmengen. Dadurch können Feuerwehreinsätze frühzeitig koordiniert und Menschen sehr früh gewarnt werden, wenn Überflutungen drohen. Solche Systeme können tatsächlich Leben retten.

Das ist nur eins von hunderten Beispielen. Es zeigt: Auch für die Anpassung an den Klimawandel birgt KI ein riesiges Potential.

Jetzt brauchen wir verlässliche Methoden, um diesen Nutzen – aber auch negative Auswirkungen von KI – wissenschaftlich messbar und vergleichbar zu machen. Darum soll es heute gehen und ich bin gespannt auf diese Ergebnisse.

Wir möchten die Ergebnisse auch auf die europäische Ebene tragen, zu unseren Partnern aus Umwelt- und Klimaministerien aus Frankreich, den Niederlanden, Dänemark, Spanien, Italien und Großbritannien, mit denen wir gemeinsam am Thema "nachhaltige KI" arbeiten.

Ich bedanke mich bei den vielen klugen Köpfen hier im Raum, die daran mitwirken. Und wünsche Ihnen allen viel Spaß heute aber vor allen Dingen auch einen verantwortungsvollen ethischen und zukunftsfähigen Umgang mit KI, so dass wir den Nutzen optimieren können und den Schaden abwenden. Vielen Dank.

06.10.2026 | Rede Digitalisierung

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