Rede von Carsten Schneider bei der re:publica

19.05.2026
Carsten Schneider
Mit 150 Millionen Euro über vier Jahre soll ein digitales Ökosystem (CEIS) aufgebaut werden, das Stoffkreisläufe schließt und Unternehmen vernetzt. Der Digitale Produktpass startet 2027 für Batterien.

– Es gilt das gesprochene Wort! –

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Gäste der re:publica,

herzlich Willkommen hier im Workshopraum des Bundesumweltministeriums. Hier wollen wir gemeinsam mit Ihnen verschiedene Umweltthemen entdecken und dabei einiges ausprobieren. Das Spektrum reicht von zukunftsfähigen Wassersystemen bis hin zu smarten Reparaturmöglichkeiten.

Wie Sie vielleicht an der Ausstattung des Raumes erkennen können, feiern wir in diesem Jahr unser 40-jähriges Jubiläum. Das Bundesumweltministerium wurde 1986 gegründet: Das war ein starkes Bekenntnis für den Umweltschutz und auch eine Reaktion auf die Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl.

In diesen 40 Jahren haben wir unsere Umwelt gesünder und lebenswerter gemacht. Das hat das BMU nicht allein geschafft, sondern zusammen mit den vielen Menschen, die sich vor Ort und in den Verbänden engagieren.

Klar ist: Die Herausforderungen der Umweltpolitik habe sich in den vergangenen 40 Jahren verändert. Eine aktuelle Aufgabe besteht darin, die Kreislaufwirtschaft zu stärken. Kreislaufwirtschaft – dieser Begriff ist möglicherweise nicht allen geläufig. 

Das Motto der re:publica in diesem Jahr "Never gonna give you up" beschreibt perfekt die Kernidee der Kreislaufwirtschaft: Die Wegwerfgesellschaft soll der Vergangenheit angehören. Wir wollen hin zu einer zirkulären Ökonomie, in der möglichst alle Materialien zurückgewonnen und wieder eingesetzt werden.

Über 100 Milliarden Tonnen Material benötigt die Weltwirtschaft jedes Jahr – für Häuser, Fahrzeuge, Waschmaschinen, Rechenzentren, Handys, Kleidung und Kaffeebecher. 100 Milliarden Tonnen Material, die immer noch zum größten Teil entsorgt werden. Das können (und wollen) wir uns nicht mehr leisten.

Wir benötigen ein Wirtschaftssystem, in dem Rohstoffe niemals aufgegeben und möglichst lange im Kreislauf gehalten werden. Das ist nachhaltig. Das schützt auch Lebensräume und Arten. Und: Das spart einen großen Teil der Treibhausgase und hilft beim Klimaschutz.

Das ist ein Mega-Thema. Ich war im Januar zur Eröffnung der IFAT in Saudi-Arabien und kürzlich auch auf der IFAT in München. Das ist die größte Weltleitmesse für Wasser-, Abwasser-, Abfall- und Rohstoffwirtschaft. Da habe ich gesehen, wie stark sich Staaten und Unternehmen überall auf der Welt mit den Themen Kreislaufwirtschaft, Recycling und Wasser beschäftigen.

Das sind nicht einfach nur Umweltthemen, sondern auch entscheidende Bedingungen für mehr Wirtschaftswachstum.

Wir haben in Deutschland wenig eigene Rohstoffe. Wenn wir die Ressourcen nutzen, die in unseren Produkten stecken – die also bereits bei uns sind – dann macht uns das unabhängiger. Das gilt auch für die Schlüsselmaterialien zur Digitalisierung. Lithium, Nickel und seltene Erden müssen derzeit zu 99 Prozent importiert werden.

Die Kreislaufwirtschaft kann das ändern. Deutsche Unternehmen – vor allem aus dem Mittelstand – sind führend bei Technologien für die Kreislaufwirtschaft. Durch Kreislaufwirtschaft können laut Studien bis 2030 etwa 180.000 zusätzliche Arbeitsplätze in Deutschland geschaffen werden.

Um dieses Potenzial einzulösen, gibt es die Nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie. Ich möchte hier besonders auf eines von neun Handlungsfeldern der NKWS eingehen: die Digitalisierungsinitiative zur Schließung von Stoffkreisläufen.

In der bisherigen Wirtschaft können die Akteure nacheinander und mehr oder weniger unabhängig voneinander agieren. In einer Kreislaufwirtschaft müssen sie miteinander kommunizieren.

Hierfür benötigen wir Daten, die Stoffströme abbilden. Wir brauchen Datensysteme, die die erforderlichen Informationen an die richtigen Adressaten transportieren und Angebot und Nachfrage zusammenbringen. Das ermöglicht neue datengetriebene Geschäftsmodelle für zirkuläre Innovationen.

Wir können uns die Digitalisierungsinitiative auch als das Betriebssystem der Kreislaufwirtschaft vorstellen:

Ein wesentlicher Baustein ist der Digitale Produktpass, der auf EU-Ebene eingeführt wird. Er enthält Daten über Materialen, chemischen Substanzen, dazu Informationen wie Gebrauchsanleitungen, Reparierbarkeit und Ersatzteile.

Der erste digitale Produktpass wird 2027 für Batterien starten. Es folgen dann Pässe für weitere Produkte und Materialien wie zum Beispiel für Textilien.

Die Daten müssen für alle Akteure – von der Produktion über den Handel bis zum Kunden verfügbar gemacht werden. Mit dem Circular Economy Information Ecosystem CEIS soll der Datenaustausch über Sektorgrenzen und Wertschöpfungsketten hinweg möglich werden. Alle Akteure sollen die für sie relevanten Informationen quasi auf Knopfdruck erhalten. Dafür werden Standards, Regeln und Koordination gebraucht. 

CEIS soll auch die Informationsflüsse zwischen Wirtschaft und Verwaltung erleichtern. Ein wichtiges Ziel ist für uns, dass die Wirtschaft bei den Berichts- und Transparenzpflichten entlastet wird.

Es gibt solche digitalen Ansätze bereits. Wir wollen sie zusammenfassen, koordinieren und skalieren. Dafür werden wir in den nächsten vier Jahren rund 150 Millionen Euro einsetzen.

Ich will mit drei Beispielen die Chancen der Digitalisierungsinitiative für die Kreislaufwirtschaft deutlich machen:

  1. Unterstützung für Unternehmen: Nicht alle Unternehmen sind digital und mit KI unterwegs. Wir wollen KMU und Start-ups dabei unterstützen, den Produktpass zu implementieren und neue Verfahren oder Geschäftsmodelle zu entwickeln.
  2. Unterstützung für Konsumenten: Kreislaufwirtschaft braucht die Konsumentinnen und Konsumenten. Es gibt digitale Ansätze, um zirkulären Konsum zu unterstützen – zum Beispiel Videos mit Reparaturanleitungen – die aber noch nicht breit verfügbar sind. Eine Skalierungsstelle soll digitale Lösungen für nachhaltigen Konsum stärker in den Mainstream bringen.
  3. Künstliche Intelligenz kann in der Kreislaufwirtschaft an mehreren Stellen helfen – etwa, wenn es darum geht, neue Materialien zu entwickeln, das Produktdesign zu verbessern und neue Recyclingmöglichkeiten zu eröffnen. Diese Potenziale adressieren wir mit der Förderinitiative KI-Leuchttürme.

Zudem führen wir den Green AI Hub Mittelstand weiter. Hierzu hören und sehen Sie gleich noch ein innovatives Beispiel aus der Bauindustrie.

Wir dürfen den Blick nicht auf amerikanische Sprachmodelle wie ChatGPT verengen. 

Unsere wahre Stärke liegt woanders: in Industrial AI made in Germany and Europe.

Der entscheidende Hebel dafür sind kleine, hochspezialisierte KI-Modelle. Mit ihnen werden hochpräzise Designverfahren und bessere Produktionsprozesse möglich – in Branchen, in denen unsere technologische Expertise unbestritten ist: in der Chemie, in der Elektronik und im Maschinenbau. 
Genau dort liegen gewaltige Datenschätze aus Jahrzehnten industrieller Wertschöpfung. Wenn wir diese Daten mit der Innovationskraft unserer Start-ups verknüpfen, kann das ein massiver globaler Wettbewerbsvorteil sein.

Deutschland ist ein starkes Land, ein hochattraktiver Standort. Das sollten wir uns immer wieder bewusst machen. Wir haben die Daten, das Know-how der Unternehmen und das Innovationspotenzial.

Das ist eine gute Ausgangsposition. Jetzt müssen wir entschlossen in die praktische Umsetzung gehen. Dafür möchte ich bei Ihnen werben und freue mich auf die Zusammenarbeit.

Vielen Dank!

19.05.2026 | Rede Kreislaufwirtschaft
https://www.bundesumweltministerium.de/RE11856
  • Fotogalerie Videogalerie

    Mediathek

    Das Ministerium in Bildern

  • Fotogalerie Videogalerie Interviews

    Online-Tagebuch

    Aus der täglichen Arbeit des Ministeriums

  • Newsletter

    Newsletter

    Meldungen per E-Mail empfangen

Wege zum Dialog

Gute Politik für Umweltschutz gelingt, wenn sie gemeinsam gestaltet wird. Schreiben Sie uns oder beteiligen Sie sich an unseren Dialogangeboten oder folgen Sie uns in den Sozialen Medien.