Merkur.de: Herr Minister, die Bundesregierung will bis 2030 die CO2-Emissionen um 65 Prozent gegenüber 1990 reduzieren. Ist das überhaupt noch realistisch?
Bundesumweltminister Carsten Schneider: Wir sind beim Klimaschutz in Deutschland schon weit gekommen. Und ich gehe fest davon aus, dass uns auch dieser wichtige Zwischenschritt gelingt.
Es bleiben aber die Sorgenkinder Bau und Verkehr. In beiden Sparten werden Emissionsvorgaben regelmäßig nicht eingehalten.
Ja, aber anders als früher gibt es heute sehr gute technische Lösungen. Zum Beispiel Elektroautos. Damit die Menschen sie kaufen, müssen die Produkte sehr gut sein, der Preis muss stimmen und die Lade-Infrastruktur. Und hier werden wir immer besser: Es gibt schon mehr als 188.000 öffentlich zugängliche Ladepunkte, davon 46.500 Schnellladepunkte, Tendenz stark steigend.
Beim Gebäudebestand gibt es noch einen erheblichen Sanierungsstau. Wie wollen Sie Hausbesitzer motivieren?
Die Menschen investieren, wenn es gute und verlässliche Rahmenbedingungen gibt. Bei zu viel Unsicherheit halten sie das Geld zusammen. An dem Punkt sind wir aktuell, in der Gesamtwirtschaft, aber auch beim Thema Heizungen und Gebäudesanierung. Es gibt in Deutschland so viele starke mittelständische Unternehmen, die Heiz- und Wärmetechnik auf Spitzenniveau herstellen, und so viele Handwerker, die sich auf moderne Heizungen eingestellt haben. Die darf die Politik nicht im Regen stehen lassen. Darum brauchen wir schnell Klarheit bei den Regeln und auch künftig eine Förderung, gerade für kleine und mittlere Einkommen. Und was für die Heizungen gilt, gilt auch für die größeren geoökonomischen und geopolitischen Unsicherheiten: Die Bundesregierung muss Sicherheit ausstrahlen und vermitteln: Wir glauben an uns, in dieses Land kann man gut investieren.
Viele sind davon im Augenblick wohl nicht überzeugt.
Doch, es gibt durchaus Bewegung. Aufgrund der erratischen Volten von US-Präsident Trump gibt es einen wachsenden Kapital-Zufluss nach Deutschland. Mein Appell auch an Unternehmer ist: Wir haben Rechtssicherheit und Investitionssicherheit, das ist ein unschätzbares Pfund.
Und Immobilienbesitzer?
Wärmepumpen rentieren sich langfristig ohnehin für die meisten. Es gibt zudem Zuschüsse für neue Heizungen und Sanierungen, dazu kommen erhöhte Abschreibungsmöglichkeiten. Das zahlt sich aus. Im letzten Jahr sind erstmals mehr Wärmepumpen installiert worden als Gasheizungen. Rund 300.000. Das Signal ist: Zuversicht.
Wirtschaftsministerin Katherina Reiche möchte mehr Gaskraftwerke. Auch Sie halten das für notwendig, solange sie auf Wasserstoff umrüstbar sind. Aber der bleibt auf lange Sicht knapp. Wie soll das gehen?
Ich war gerade in Saudi-Arabien, um die Saudis dafür zu gewinnen, einerseits deutsche Umweltschutztechnologien zu importieren, und andererseits grünen Wasserstoff an uns zu liefern. Da wird sich was tun in den nächsten Jahren. Die Kraftwerke werden vornehmlich Backup sein, für Phasen mit wenig Wind und Sonne. Der Ausbau der erneuerbaren Energien hat Priorität. Gas und Öl importieren oder auf Kohle zu setzen, ist auf Dauer nicht nur klimaschädlich, sondern auch teurer.
Kritiker sagen, das sogenannte "Netzpaket" von Ministerin Reiche bremse den Ausbau der Erneuerbaren aber aus. Was sagen Sie dazu?
Das Netzpaket ist noch gar nicht offiziell, darum kommentiere ich das nicht. Grundsätzlich geht die Energiewende jetzt in die zweite Halbzeit. Erneuerbare Energien sind heute unsere wichtigste Stromquelle, die Speichertechnologie schreitet voran. Darum ist es notwendig, den Netzanschluss von Erzeugern, Speichern und Verbrauchsanlagen gut zu organisieren. Meine Haltung ist: Der weitere Ausbau der erneuerbaren Energien kann gerne effizienter werden, aber bitte nicht langsamer.
Wie klappt eigentlich die Zusammenarbeit mit Frau Reiche? Setzen Sie sich regelmäßig zusammen?
Es gibt einen engen Austausch zwischen den Ressorts. Die Zusammenarbeit ist professionell. Beim Thema Übergewinne sind wir uns zum Beispiel einig.
"Professionell" klingt nicht nach "freundschaftlich".
Wir pflegen eine ausgesprochen offene, ehrliche Kommunikation, ich kann mich darauf verlassen. Das ist auch nicht immer konfliktfrei, selbstverständlich nicht. Aber im letzten Kabinett war es sicherlich schwieriger, wenn man an das Verhältnis zwischen FDP und Grünen denkt.
Duzt man sich im Kabinett?
Ich geh‘ jetzt nicht mit jedem regelmäßig ein Bier trinken. Manche, wie Alexander Dobrindt, kenne ich schon lange. Da duzt man sich. Insgesamt ist es menschlich sehr okay.
Man hat manchmal den Eindruck, dass aus dem Unionsumfeld immer wieder Querschüsse kommen. Etwa von Markus Söder, der am E-Auto zweifelt.
Ich hätte manche dieser Diskussionen auch nicht gebraucht. Aber wir leben in einer föderalen Demokratie, ich kann niemandem das Wort oder die Debatte verbieten. Meine Botschaft ist klar: E-Autos sind besser für die Umwelt, die kann man gut fahren und die machen Spaß. Autohändler berichten mir, dass kaum jemand, der einmal elektrisch gefahren ist, danach wieder zurück zum Verbrenner will. Das ist ein weltweiter Megatrend. Keine chinesische Stadt würde heute noch einen Dieselbus anschaffen.
Apropos Toleranz der Bevölkerung gegenüber Umweltschutz: Ein Thema, das polarisiert, sind diese Plastikflaschendeckel, die man nicht mehr entfernen kann. Manche sind davon genervt und sehen darin Regulierungswut. Wie finden Sie das?
Plastik ist ein extrem wachsendes Problem. Und die alten Plastikdeckel gibt es in riesigen Mengen in unseren Meeren. Die verschmutzen die Strände, das Wasser, schaden Tieren. Ich bin Angler. Wenn ich einen Fisch ausnehme, möchte ich darin nicht irgendwelche Plastikpartikel finden. Neulich hat mir jemand, der auf Mallorca mit dem Rennrad unterwegs war, geschrieben. Der hat auf einem Spaziergang das ganze Zeug am Strand gesammelt. Am Ende war das ein Riesenhaufen Plastik. Und ein großer Teil waren alte Deckel. Ich ertrage lieber den einen Deckel an der Flasche als Zehntausende davon am Strand.
Sie sind ja auch Rennradfahrer. Haben Sie mal ne Runde mit Lars Klingbeil gedreht? Der macht das ja auch.
Hab ich. War aber unfair.
Ach. Sind Sie schneller oder haben Sie mehr Ausdauer?
Am Berg hab ich einfach Vorteile, weil ich keine 1,95 Meter und dementsprechend leichter bin. Ich habe das zu DDR-Zeiten auch viele Jahre als Leistungssport gemacht. Lars fährt aber auch gut.
Die CCS-Technologie gilt als große Hoffnung, um CO2-Emissionen zu mindern. Aber hemmt das nicht die Transformation, weil die Unternehmen das Gefühl haben, einfach weiter machen zu können wie bisher, und am Ende landet das Gas dann halt im Meeresboden?
Da mache ich mir wenig Sorgen. CCS ist eine Technik für Branchen wie die Zementhersteller, die keine guten Alternativen haben. Für die machen wir jetzt die Verpressung in der Nordsee oder den Export des CO2 ins Ausland möglich. Für die meisten anderen Unternehmen wird es viel günstigere und bessere Möglichkeiten geben, von Kohle, Öl und Gas loszukommen. Ich bin jedenfalls ein Technikermöglicher. Mit Technik und Innovation können wir beim Klimaschutz schneller vorankommen.
Dekarbonisierung spielt auch beim Stahl eine Rolle. Thyssen etwa rüstet auf grüne Stahlproduktion um, mit Hilfe von Wasserstoff. Ohne Förderung vom Staat bekommen die es kaum hin. Hat Stahl Zukunft in Deutschland?
Deutschland braucht eine eigene Stahlproduktion, um unabhängig und stark zu bleiben. Darum bleibt staatliche Förderung wichtig. Und darum bin ich auch dafür, dass wir in Europa bevorzugt bei europäischen Anbietern einkaufen.
Es gibt Vorschläge, Stahlvorprodukte zum Beispiel in Saudi-Arabien zu beziehen, wo die Energiekosten gering sind, und hier nur noch zu veredeln.
Da bin ich kein Fan von. Wir brauchen zumindest einen gewissen Anteil aller Produktionsschritte bei uns. Darum bin ich für Leitmärkte für Stahl, der aus grünem Wasserstoff hergestellt ist. Es ist gut, dass die Bahn jetzt erstmals grünen Stahl aus Europa für ihre Schienen kauft. Auch für Autos würde sich das anbieten. Bislang halten sich die Automobilhersteller noch zurück. Jetzt könnten sie bald einen Anreiz dazu bekommen.
Wie genau?
Wer zum Beispiel nach 2035 noch Plugin-Hybride auf den Markt bringen will, kann die Mehremissionen ausgleichen, indem er grünen Stahl in der Produktion verwendet. Das ist die deutsche Position, für die wir in Brüssel antreten. Ich weiß, dass das nicht jedem in der Branche gefällt. Aber ein bisschen mehr Standort-Patriotismus können wir schon erwarten von den Konzernen.
Sie sind auf der Münchner Sicherheitskonferenz unterwegs. Was hat denn Klimaschutz mit Sicherheit zu tun?
Bei Sicherheit geht es nicht nur um Militär. Es geht auch um Stabilität und die wird massiv durch den Klimawandel bedroht – über Verteilungskämpfe bis hin zu Fluchtbewegungen. Zum Glück sind viele Klimaschutzmaßnahmen zugleich Sicherheitsmaßnahmen. Zum Beispiel die erneuerbaren Energien: Sie machen uns unabhängig von den Schwankungen und Erpressbarkeiten des Weltmarktes. Es ist erklärte Strategie der US-Regierung, über Energiedominanz ihre Interessen durchzusetzen, Stichwort LNG. Erneuerbare Energien sind da ein gutes Gegenmittel. Darum nenne ich sie auch Sicherheitsenergien.
Das Gespräch führten Anne-Christine Merholz und Peter Sieben
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