Bundesumweltminister Carsten Schneider: "Das sind richtig geile Autos!"

06.10.2025
Umweltminister Carsten Schneider will die Energiewende entpolarisieren – mit Anreizen statt Verboten. Im ZEIT-Interview verteidigt er das Verbrenner-Aus und schwärmt von E-Autos: "Das sind richtig geile Autos!"

DIE ZEIT: Herr Schneider, am kommenden Donnerstag lädt der Kanzler zum Autogipfel, passend dazu versuchen er und die Union, das Aus vom Verbrenner-Aus voranzutreiben. Fühlen Sie sich als Klimaschutzminister in dieser Regierung auf verlorenem Posten?

Carsten Schneider: Nee, gar nicht. Ich bin gerne Umweltminister, arbeite in dieser Regierung für einen pragmatischen Interessenausgleich zwischen Ökonomie und Ökologie. Und da liegt mein Ressort genau auf der Schnittstelle. Um es mal deutlich zu sagen: Die deutsche Wachstumsschwäche – auch in der Autoindustrie – wurde nicht durch zu viel Klimaschutz verursacht. Im Gegenteil: E-Mobilität ist die Zukunft, und daran orientiert sich auch die Industrie. Um diesen Wandel zu schaffen, braucht es bei den gesetzlichen Rahmenbedingungen Planungssicherheit und Verlässlichkeit.

Das sehen aber nicht alle in Ihrer Partei so. Auch die SPD hadert mit dem Verbrenner-Aus. Warum fällt das so schwer?

Es gibt eine gesellschaftliche Diskussion, und die SPD bildet das als Volkspartei ab. Wir arbeiten daran, sowohl eine Perspektive für gute Arbeitsplätze zu schaffen, als auch das Klima weiter zu schützen. Das traue ich uns zu.

Aber Sie entscheiden ja nicht allein. Und der Streit ist groß.

Nehmen Sie die IAA, die große Automesse Deutschlands, die kürzlich in München stattfand. Da konnte man doch sehen: Es gibt schon jetzt hervorragende Elektromodelle. Das sind richtig geile Autos! Das stand aber leider nicht im Mittelpunkt.

Sondern was?

Ein großes wirtschaftspolitisches Eigentor.

Welches war das?

Diese Forderungen nach einem Aus vom sogenannten Verbrenner-Aus haben leider die gesamte IAA überschattet.

Das hatte unter anderem Bayerns Ministerpräsident Markus Söder ins Spiel gebracht.

Zum ganzen Bild gehört doch: Auch die Automobilwirtschaft ist in der Frage gespalten. Viele Zulieferbetriebe sind unter Druck, aber das hat unterschiedlichste Gründe, von der Nachfrageschwäche in Europa über die chinesische Konkurrenz bis hin zu Trumps Zollpolitik. Auf der anderen Seite haben sich viele Unternehmen auf die neuen Spielregeln für das Klima längst eingestellt, auch die verdienen Vertrauensschutz. Planungssicherheit ist entscheidend für erfolgreiches Wirtschaften. Darum sind wir auch ökonomisch gut beraten, den eingeschlagenen Weg jetzt fortzusetzen.

Also soll es Ihrer Ansicht nach beim Jahr 2035 als Aus für den Verbrenner bleiben?

Ja, unbedingt. Und das sind noch zehn Jahre Zeit – das traue ich unseren Ingenieuren auch zu. Ab 2035 gilt dann: Neuwagen in der EU stoßen kein CO2 mehr aus, oder die Hersteller zahlen eben Strafen. So ist die aktuelle Rechtslage. Viele Bürgerinnen und Bürger denken ja, sie dürften dann ihr Auto nicht mehr weiterfahren. Das ist natürlich Quatsch. Es geht doch nur um Neuzulassungen. Und ich bin mir ganz sicher, dass die Welt 2035 ganz anders aussehen wird als heute, allein wegen der großen technologischen Fortschritte.

Olaf Lies, Ministerpräsident des VW-Lands Niedersachsen, hält das Ziel für unrealistisch, im Jahr 2035 ausschließlich reine E-Autos zu verkaufen. Und selbst die Grünen zeigen sich für Kompromisse offen.

Das könnte damit zu tun haben, dass in Baden-Württemberg im März 2026 Landtagswahlen sind.

Und was ist mit dem SPD-Ministerpräsidenten aus Niedersachsen?

Die Autoindustrie ist für sein Bundesland eine sehr wichtige Branche. Und Olaf Lies steht wie die ganze SPD zum Klimaziel, auch im Verkehr. Ihm geht es um mehr Flexibilität auf dem Weg dorthin.

Auf dem Spiel stehen gleichzeitig viele Zehntausende Arbeitsplätze.

Und für die wollen wir Perspektiven aufzeigen. Die Frage ist nur, wie das langfristig gelingt. Darüber haben wir auf unserer Kabinettsklausur auch mit dem Ökonomen Markus Brunnermeier diskutiert. Er plädiert in Transformationsprozessen für Innovationen, Offensive und klare Disruption. Das sei besser als Abwehr und Aufschieben, wenn bekannte Produkte verschwinden.

Aber was bedeutet hier Disruption? Dass man akzeptiert, dass unterm Strich die Jobs verloren gehen?

Um den Audi-Chef zu zitieren: Auch abgesehen vom Klimaschutz ist das Elektroauto einfach die bessere Technologie. Sie wird sich langfristig durchsetzen. Also muss man doch dafür sorgen, dass die europäische Automobilwirtschaft in den neuen Märkten stark wird und möglichst viele gute Jobs bei uns schafft.

Diese Bundesregierung ist vor allem mit einem Motto angetreten: Die Wirtschaftswende zu schaffen. Klimaschutz und Umweltschutz werden da oft als hinderlich angesehen, weil sie viel kosten und aufwendig sind. Stimmt doch, oder?

Ich mache mir die Grundannahme schon nicht zu eigen.

Dass diese Regierung mit dem Ziel einer Wirtschaftswende an den Start gegangen ist?

Dass der Klimaschutz die Ursache für die Wirtschaftsschwäche der vergangenen vier, fünf Jahre ist. Die Gründe sind vielfältig: die Exportschwäche, die US-Zölle, China ...

Aber trotzdem kostet die Energiewende, zu der sich Deutschland gesetzlich verpflichtet hat. Unternehmen und Bürger klagen über hohe Strompreise und Netzentgelte. Wie bekommt man das in Einklang?

In der Tat bezahlen wir zum Teil noch die Lernkurve der Anfangsjahre und so manche politische Fehlentscheidung – etwa die, große Stromleitungen teuer zu verbuddeln, statt sie günstig oberirdisch zu bauen. Umso wichtiger ist es, die Vorteile der Energiewende für unsere Wirtschaft zu nutzen. Ich stimme Wirtschaftsnobelpreisträger Simon Johnson zu, der überzeugt ist, dass US-Präsident Donald Trump Europa gerade ein großes Geschenk gemacht hat, indem sich die USA abrupt von der Energiewende abgewendet haben. Deutschland ist in dem Cleantech-Bereich absolute Weltspitze. Eine Branche mit mehr als drei Millionen Beschäftigten, die seit 2010 ein jährliches Wachstum von rund 5 Prozent hingelegt hat. Mittelfristig werden sich auch die USA wieder dafür interessieren müssen – das bringen der Klimawandel und seine Folgen einfach mit sich. Das ist Deutschlands Chance als exportorientierte Industrienation.

Für Cleantech und Investitionen in Erneuerbare brauchen Sie aber ja auch die Bürgerinnen und Bürger. Laut Umfragen rutscht aber das Thema Klimaschutz in deren Prioritätenliste immer weiter nach hinten. Es scheint sich fast eine Apathie breitzumachen.

Diese Apathie sehe ich nicht. Schauen Sie sich die vielen Tausend konkreten Entscheidungen im ganzen Land an: 140.000 Wärmepumpen wurden im ersten Halbjahr 2025 installiert – 55 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum und damit zum ersten Mal mehr Wärmepumpen als Gasheizungen. Mehr als eine Million Haushalte haben Balkonkraftwerke installiert und generieren damit Solarstrom. Elektroautos haben inzwischen 18 Prozent Marktanteil bei den Neuwagen – vor sieben Jahren war es noch ein Prozent. Da tut sich also was im Konkreten. Und ich muss Ihnen mal was sagen: Ich bin sehr froh, dass wir diese gesellschaftspolitische Polarisierung langsam hinter uns lassen. Ich habe beobachtet, dass sich noch vor einem Jahr manche extra gegen ein E-Auto entschieden haben, um ein politisches Statement gegen die Grünen zu setzen. Inzwischen treffen immer mehr Leute ganz rationale Entscheidungen.

Wie meinen Sie das genau?

Ich erlebe eine veränderte Stimmung. Wenn ich mit dem Elektroauto unterwegs bin, bekomme ich viele neugierige Fragen: Was verbraucht der? Wie schnell beschleunigt der? Früher war da noch mehr Ablehnung. Aber das Feindbild, der erhobene Zeigefinger ist eben weg. Wissen Sie, für die Sache ist es oft besser, wenn es bei diesen Entscheidungen nicht so sehr um politische Emotionen, sondern um praktische, ökonomische Fragen geht. Darum ist es manchmal sogar besser, wenn ich als Politiker gar nicht sichtbar bin.

Wenn der Grüne Robert Habeck in dem Elektroauto sitzen würde, reagieren die Leute anders?

Einige schon. Es gibt eben Triggerthemen, und wie der Soziologe Steffen Mau sagt: Kein Bereich polarisiert derzeit so sehr wie der Klimaschutz. Auch die AfD setzt voll darauf. Inzwischen hetzen AfD-Vertreter ja fast schon mehr gegen Windräder als gegen Migranten.

Im Osten kommt die AfD im Schnitt auf Zustimmungsraten von mehr als 30 Prozent. Können Sie als Umwelt- und Klimaschutzminister dort überhaupt offensiv für Ihre Themen werben?

Na klar. Das hab ich ja schon immer gemacht, insbesondere in den vergangenen vier Jahren.

Aber nicht als Klimaschutzminister, sondern als Ostbeauftragter der Ampelregierung.

Aber ich habe mich sehr viel mit Energiepolitik beschäftigt, und Ostdeutschland ist Vorreiterregion für die Energiewende. Brandenburg ist gerade erst vom WWF ausgezeichnet worden als Spitzenreiter im Energiewende-Ranking.

Aber warum wählt dann der Osten die Anti-Energiewendepartei AfD?

Das ist extrem komplex. Worauf ich hinauswill: Die Energiewende darf nicht mehr instrumentalisiert werden. Sie muss raus aus der ideologischen, parteipolitischen Polarisierung. Sich für eine Wärmepumpe oder ein Elektroauto zu entscheiden, macht aus rationalen Gründen Sinn. Damit will ich die Leute überzeugen. Sie müssen das nicht aus Umweltschutzgründen machen. Die Überzeugungstäter haben doch längst das E-Auto oder das Balkonkraftwerk.

Das muss man sich alles aber auch erst einmal leisten können. 

Absolut. Die Verteilungseffekte der Energiewende sind noch nicht so, wie sie sein sollten. Nehmen Sie Wind: Da haben diejenigen profitiert, die ihre Acker für gutes Geld an Windmüller verpachtet haben. Die Ostdeutschen haben in die Röhre geguckt, weil sie wegen des nötigen Stromnetzausbaus höhere Verteilnetzentgelte zahlen mussten. Deswegen haben wir dafür gesorgt, dass seit Jahresanfang die Netzentgelte in den Regionen mit einem starken Ausbau der Erneuerbaren sinken.

Das heißt, die Akzeptanz der Energiewende funktioniert nur über Geld?

Ja, es macht einen Unterschied, ob das Windrad nur Schrapp-Schrapp macht oder auch Pling-Pling. Darum ist es so wichtig, dass die Einnahmen aus den Windparks stärker vor Ort bleiben, etwa um die Kita finanzieren zu können oder den Sportplatz. So werden Betroffene zu Beteiligten. Die Menschen auf dem Land dürfen nicht das Gefühl haben, sie tragen die Lasten und zahlen dazu noch den Preis. Das ist das Mindestmaß an Gerechtigkeit.

Das Gespräch führten Eva Ricarda Lautsch und Marlies Uken.

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