Seit Mai 2025 ist Carsten Schneider (SPD) Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. Im Interview mit der Apotheken Umschau spricht er über Medikamentenabfälle im Wasser, Betonwüsten in der Stadt und die Suche nach Fischen in der Ostsee.
Apotheken Umschau: Herr Schneider, stimmt es, dass Sie Besprechungen manchmal im Wald ansetzen statt im Büro?
Carsten Schneider: (schmunzelt) Das ist schon vorgekommen, ja. Wenn es thematisch passt, mache ich das gerne. Das lockert die Atmosphäre auf und ist einfach produktiver, als immer nur hinter verschlossenen Türen zu sitzen.
Als Umweltminister gibt es sicher einige Termine, die man draußen machen kann.
Schneider: Genau. Zum Beispiel wenn ich zeigen möchte, was die Wälder Großartiges leisten fürs Klima, die Natur, das Grundwasser, oder ganz einfach die Erholung. Damit der Wald das auch in Zukunft noch kann, fördern wir den Waldumbau.
Wie finden Sie in Ihrem stressigen Job einen Ausgleich, damit Sie gesund bleiben?
Schneider: Ich genieße es, mit Frau und Töchtern, aber zugegebenermaßen auch allein, in der Natur zu sein. Ich sitze am See und angele oder fahre mit dem Fahrrad durch den Wald. Ich höre dann etwa dem Bach und den Vögeln zu. Das tut mir gut.
Gibt es denn ein Umweltthema, das Ihnen besonders am Herzen liegt?
Schneider: Wasser. Gerade in Ostdeutschland leiden wir zunehmend unter Dürre. In vielen Regionen sinkt der Grundwasserspiegel und füllt sich im Winter nicht wieder ausreichend auf. Genügend sauberes Wasser ist die Grundvoraussetzung für ein gesundes Leben. Da gibt es also viel zu tun.
Sehen Sie die Qualität unseres Trinkwassers denn in ernster Gefahr?
Schneider: Für uns ist es selbstverständlich, dass wir Wasser aus der Leitung trinken. In anderen Ländern ist das nicht so. Wir dürfen uns aber nicht darauf ausruhen und müssen das kostbare Gut Wasser weiter schützen.
Tun wir hier bislang zu wenig?
Schneider: Wir wollen jedenfalls mehr tun. In der EU haben wir uns darauf geeinigt, die Reinigung von Abwässern in allen Mitgliedstaaten zu verbessern. Große Kläranlagen werden Schritt für Schritt eine vierte Reinigungsstufe einbauen, um Mikroschadstoffe wie zum Beispiel aus Medikamentenabfällen aus dem Wasser zu filtern. Das ist ein großer Gewinn für die Gesundheit und für den Gewässerschutz.
"Für uns ist es selbstverständlich, dass wir Wasser aus der Leitung trinken. Wir dürfen uns aber nicht darauf ausruhen und müssen das kostbare Gut Wasser weiter schützen." - Carsten Schneider, Bundesumweltminister
Viele deutsche Gewässer sind tatsächlich in keinem guten Zustand, das belegen Studien immer wieder.
Schneider: Mir macht die Ostsee große Sorgen. Sie ist überfischt und überdüngt durch Nitrat- und Phosphoreinträge aus der Landwirtschaft. Die Klimaerwärmung macht die Lage noch schlimmer. Das Ergebnis? Es gibt kaum noch Fische, nicht mal Hering oder Dorsch. Abgesehen vom Wal, der sich im März dorthin verirrt hat – der ist aber natürlich kein Fisch.
Was tun Sie dagegen?
Schneider: Schutzgebiete helfen. Die Erfahrung zeigt, dass die Natur sich erholt, wenn man Meeresschutzgebiete schafft, also Zonen, in denen zum Beispiel nicht gefischt werden darf. Ich möchte, dass es auch in Nord- und Ostsee noch mehr solcher Rückzugsräume gibt. Künftig werden wir sogar Schutzgebiete auf hoher See ausweisen können. Dafür gibt es jetzt erstmals ein weltweites UN-Abkommen.
Was ist mit der Verschmutzung der Meere?
Schneider: Wir müssen die Plastikflut bekämpfen, dafür will ich ein weltweites Plastikabkommen voranbringen. Das gelingt nur mit guter internationaler Zusammenarbeit.
Wassermangel ist auch eine Folge des Klimawandels. Den bezeichnet die Weltgesundheitsorganisation WHO als die größte Gesundheitsbedrohung für die Menschheit.
Schneider: Zu Recht. Die Erderwärmung ist da – jeder spürt sie. Im Sommer ist es auch in Deutschland oft kaum auszuhalten. Das ist sehr belastend für viele Menschen, vor allem für ältere mit chronischen Krankheiten. Allein 2025 gab es rund 2500 Hitzetote. Für mich bedeutet das: An den Klimazielen dürfen wir keinesfalls rütteln. Gleichzeitig müssen wir uns an Hitzewellen besser anpassen. Vor allem in den Städten.
Wie kann das konkret aussehen?
Schneider: In den vergangenen Jahrzehnten wurden viele Fehler im Städtebau gemacht. Beton und versiegelte Flächen überall. Inzwischen findet langsam ein Umdenken statt. Wir brauchen mehr Grün, also mehr schattenspendende Bäume, aber auch mehr Begrünung an Fassaden und auf Dächern. Gleichzeitig müssen auch Städte Regenwasser speichern, um es in Dürreperioden nutzen zu können. Da kommt es auf kluge Flächenplanung an. So wird gesundes Leben auch in Zukunft in Städten möglich sein.
"An den Klimazielen dürfen wir keinesfalls rütteln. Gleichzeitig müssen wir uns an Hitzewellen besser anpassen. Vor allem in den Städten." - Carsten Schneider, Bundesumweltminister
Verbindliche Ziele gibt es dafür in Deutschland bislang aber nicht – nur Empfehlungen.
Schneider: Die Kommunen müssen Pläne zur Klimaanpassung aufstellen. Dabei können sie selbst entscheiden, wie sie die Menschen, Unternehmen und ihre Infrastrukturen schützen wollen – immer mit Blick auf die individuellen Risiken vor Ort.
Aber das reicht doch nicht.
Schneider: Starre bundesweite Vorgaben würden uns an dieser Stelle nicht weiterbringen. Eine Kommune am Meer steht vor anderen Herausforderungen als eine Großstadt im Rhein-Main-Gebiet. Wir brauchen Flexibilität und individuelle Lösungen vor Ort. Der Bund unterstützt den Umbau in den Regionen über Zuschüsse und mit Beratung. Ganz unabhängig davon kann natürlich auch jeder und jede einzelne aktiv werden.
Sie meinen, jeder kann einen Beitrag leisten.
Schneider: Ja, genau. Wer eigene Ideen hat, zum Beispiel um sein Viertel grüner zu gestalten, muss nicht auf das offizielle Projekt der Stadtverwaltung warten. Auch beim Klimaschutz kommt es auf viele individuelle Investitionsentscheidungen an, für die wir einen guten Rahmen setzen. Zum Beispiel könnte das nächste Auto ein E-Auto sein. Der Bund fördert die Anschaffung mit bis zu 6000 Euro, je nach Haushaltseinkommen. Und muss die Heizung nach 30 Jahren raus, ist die Wärmepumpe für viele Haushalte die beste und günstigste Lösung für die Zukunft.
In der Bundesregierung scheinen das nicht alle so zu sehen. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche will das Heizen mit Öl und Gas auch in Zukunft erlauben. Lassen Sie das zu?
Schneider: Entscheidend ist, wie sich die Hausbesitzer am Ende entscheiden. Und da muss man ganz klar sagen: Eine Wärmepumpe ist für die meisten Haushalte die beste Variante – nicht nur für die Umwelt, sondern auch für den Geldbeutel. Denn die Kosten für die Gasnetze werden steigen und auch der Gaspreis ist unberechenbar. Fossile Krisen wie jetzt in der Straße von Hormus können immer wieder passieren. Je mehr wir in Deutschland auf erneuerbare Energien auch beim Heizen setzen, desto unabhängiger und weniger erpressbar werden wir.
Das Bundesministerium für Umwelt hat nur einen kleinen Etat verglichen mit anderen Ministerien. Spart man da nicht an der falschen Stelle?
Schneider: Naja, das stimmt nur auf den ersten Blick. Wir bewirtschaften auch erhebliche Mittel aus dem Klimatransformationsfonds, etwa für E-Auto-Zuschuss, Waldumbau oder Moorwiedervernässung, die nicht im Einzeletat ausgewiesen sind. Was den Kernetat des Ministeriums angeht, fließt die Hälfte in den Umgang mit dem Atommüll – also mit der strahlenden und teuren Vergangenheit. Keiner will den Müll haben und ich suche noch nach einem Endlager. Kaum zu glauben, dass manche Parteien von der Rückkehr zur Atomkraft fantasieren.
"Eine Wärmepumpe ist für die meisten Haushalte die beste Variante – nicht nur für die Umwelt, sondern auch für den Geldbeutel." - Carsten Schneider, Bundesumweltminister
Also reicht das Geld, erreichen Sie damit die Ziele?
Schneider: Ich bin mit der aktuellen Finanzausstattung zufrieden. Mein Ansatz ist, auf eine starke Umweltgesetzgebung zu bauen. Wir verschärfen beispielsweise die Strafen für Umweltkriminalität. Wenn sie etwa mit Chemikalien arbeiten, werden Unternehmen zu höchsten Sicherheitsvorkehrungen verpflichtet und das wird kontrolliert. Diese Vorgaben sind effektiv und kosten den Staat gleichzeitig nicht viel Geld.
Haben Sie denn das Gefühl, dass das Thema Umweltschutz durch die Krisen gerade in den Hintergrund rückt?
Schneider: Nein. Es gibt eine breite gesellschaftliche Unterstützung für Umweltschutz. Es gibt niemanden, der sagt, wir brauchen weniger Umweltschutz. Nicht einmal Unternehmen. Die wissen inzwischen, dass Umweltschutz ein positiver Standortfaktor ist.
Beim Klimaschutz ist die Zustimmung aber nicht ganz so groß.
Schneider: Das Thema ist in der Tat nicht mehr so präsent wie noch vor ein paar Jahren und polarisiert leider auch. Der US-amerikanische Präsident Trump leugnet den menschlichen Einfluss auf den Klimawandel, und auch bei vielen der politisch extremen Rechten ist das der Fall. Das führt zu absurdem Verhalten insbesondere in Amerika, aber auch bei uns in Deutschland kommt das vor. Trotzdem ist die Zustimmung zu Klimaschutz bei uns weiterhin hoch.
Schlechte Luft kann Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Krebs begünstigen. Die WHO empfiehlt strengere Grenzwerte als Deutschland. Sollten wir da nicht nachjustieren?
Schneider: Die Richtwerte der WHO sind unsere grundlegende Orientierung, um den Gesundheitsschutz nach und nach zu verbessern. Die verbindlichen Grenzwerte der EU halten wir in Deutschland dank gezielter Maßnahmen inzwischen alle ein. Strengere Umweltstandards haben dafür gesorgt, dass Autos und Fabriken deutlich weniger Schadstoffe ausstoßen. Auch der Kohleausstieg und der wachsende Anteil von Elektroautos machen die Luft sauberer.
Erreichen wir absehbar die WHO-Grenzwerte oder ist das utopisch?
Schneider: Wir stellen uns jetzt erst einmal auf die neuen EU-Grenzwerte ein, die ab 2030 gelten. Sie sind ein Zwischenziel, um die WHO-Empfehlungen langfristig zu erreichen. Man darf auch nicht vergessen, wo wir herkommen. Die Älteren werden sich erinnern, wie schmutzig die Luft früher in vielen Gegenden Deutschlands war. Dass sie heute sauberer ist, ist ein großer Erfolg der Umweltpolitik, auf dem wir aufbauen können. Man nimmt das heute oft als selbstverständlich hin. Das ist es aber nicht.
"Die Älteren werden sich erinnern, wie schmutzig die Luft früher in vielen Gegenden Deutschlands war. Dass sie heute sauberer ist, ist ein großer Erfolg der Umweltpolitik, auf dem wir aufbauen können." - Carsten Schneider, Bundesumweltminister
Sie sind in der DDR aufgewachsen. Da sah es noch anders aus.
Schneider: Stimmt. Ich weiß noch, dass man zum Beispiel in der Gegend um Bitterfeld beim Autofahren die Fenster nicht öffnen konnte, weil es so gestunken hat. Die Flüsse waren keine Flüsse, sie waren Kloaken. Das ist zum Glück nicht mehr der Fall. Da haben wir in den letzten Jahrzehnten viel geschafft und die Umwelt wiederhergestellt. Davon profitieren wir alle.
Verraten Sie uns Ihren Lieblingsort?
Schneider: Das ist der Thüringer Wald. Dort gibt es zum Beispiel die Gera, die durch Erfurt fließt, mit einem wunderschönen Radweg bis zur Quelle auf dem Berg. Hier findet man eine gute Mischung aus unberührter und wilder Natur: idyllische Bäche, kühle Wälder, guter Fischbestand. Ich mag den Einklang zwischen Mensch und Natur, ohne großes Brimborium. Und das Beste: Man findet dort sogar noch Walderdbeeren!
Oh Walderdbeeren, haben Sie keine Angst vorm Fuchsbandwurm?
Schneider: Ich habe mich informiert: Die Wahrscheinlichkeit, dass da etwas passiert, ist sehr, sehr gering. Ich bin froh, dass das viele anders sehen, so bleiben für mich ab und zu doch noch ein paar Beeren übrig (schmunzelt). Walderdbeeren sind zwar ganz klein, aber unglaublich lecker!
Das Gespräch führte Von T. Haase und S. Schersch.
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