Rede von Carsten Schneider beim Festakt "100 Jahre Lippeverband"

02.07.2026
Carsten Schneider hält eine Rede.
Lippeverband wurde als Erfolgsgeschichte für Wirtschaft und Umwelt gewürdigt. Die Transformation vom stinkenden Abwasserkanal zur renaturierten Lippe gelang dank Genossenschaftsprinzip und gemeinwohlorientierter Selbstverwaltung.

– Es gilt das gesprochene Wort! –

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

über Ihre Einladung zu diesem Festakt habe ich mich wirklich gefreut. Wir feiern ein Jahrhundert beispielhafte Arbeit für Wirtschaft und Umwelt. Viele in Deutschland und darüber hinaus können sich ein Beispiel daran nehmen, was der Lippeverband geleistet hat und weiterhin leistet. Für mich jedenfalls eine große Freude und Ehre hier zu sein. Vielen Dank!

Wasser ist für uns Menschen, für die Natur und für wirtschaftliche Aktivitäten unverzichtbar. Der Bergbau und die Industrie hatten hier im Ruhrgebiet die Wassersituation fundamental verändert. Die Lippe war mit Grubenwasser und anderen Abwässern zu einem stinkenden Kanal geworden.

Das gab es auch anderswo. In Leipzig war die Pleiße in den 1950er Jahren so dreckig, dass man einfach einen Deckel darauf gemacht hat. Aus den Augen, aus dem Sinn. Erst nach der Wiedervereinigung ist der Fluss saniert und wieder ans Licht geholt worden.
Hier an der Lippe war das Problem durch das Absinken des Erdreiches noch deutlich größer. Die Lösung sollte der Lippeverband bringen. Und daraus ist eine Erfolgsgeschichte geworden: vor allem mit der Reinigung der Abwässer, mit der Entwässerung der Bergsenkungsgebiete und auch mit dem Hochwasserschutz an der Lippe.

Der Lippeverband hat den Bergbau begleitet, solange es ihn gab. Er hat die negativen Folgen für den Wasserhaushalt und für die Umwelt insgesamt begrenzt und beseitigt. Mit dem schrittweisen Ende des Bergbaus seit den 1970er Jahren hat der Verband weitere Aufgaben wie die wasserwirtschaftlichen Erblasten übernommen. Der Begriff "Ewigkeitslasten" klingt hart, aber gerade hier im Ruhrgebiet wissen Sie, dass er die harten Tatsachen richtig beschreibt.

Ich möchte besonders das Genossenschaftsprinzip hervorheben. Das ist gelebte demokratische Selbstverwaltung – und ein wichtiger Schlüssel zum Erfolg. Für mich ist dieses Prinzip beispielgebend auch für heute. Die Selbstverwaltung ist nicht gewinnorientiert oder gar gewinnmaximiert – sondern gemeinwohlorientiert. Ich würde mir wünschen, dass die öffentliche Aufmerksamkeit nicht so sehr den Millionären und Milliardären gehört, sondern denen, die gemeinwohlorientiert arbeiten - zum Wohl für uns alle. Das hat man hier an der Lippe offenbar schon vor hundert Jahren verstanden.

Eine erfolgreiche Wirtschaft ist ohne Rücksicht auf die Umwelt nicht zu haben. Gesunde Lebensgrundlagen für Menschen und Natur sind auch Grundlagen für erfolgreiches Wirtschaften. Auch das wurde hier vor 100 Jahren erkannt und in die Tat umgesetzt. Leider hat sich diese Erkenntnis bis heute noch nicht überall durchgesetzt: von Anfang an mitdenken, dass man den Ast möglichst nicht absägt, auf dem man später noch sitzen möchte. Und dass man den Fluss nicht verdreckt, aus dem Tausende Haushalte in der Region leben wollen.

Denken Sie an die Plastikvermüllung unserer Umwelt, vom Marianengraben bis auf den Mount Everest – überall Mikroplastik. In all unseren Gewässern und in uns allen. Es wird eine Menschheitsaufgabe in den nächsten 100 Jahren sein, diese Vermüllung und Gesundheitsgefährdung weltweit zu stoppen und wieder in Ordnung zu bringen. Oder denken Sie an Künstliche Intelligenz. Die KI ist ein wahnsinnig spannendes und revolutionäres Tool, das unsere Arbeitswelt und unsere Welt insgesamt verändert. Allerdings ist auch klar: KI verbraucht enorme Mengen an Ressourcen, auch an Energie und Wasser.

Gerade das Thema Wasser braucht heute mehr politische Aufmerksamkeit. Nicht nur wegen der Entwicklung der KI. Auch viele andere Unternehmen sind in ihren Lieferketten auf Wasser angewiesen. Die geopolitische Entwicklung zeigt, dass die Wasserversorgung Teil der nationalen Sicherheit ist. Deshalb müssen die Investitionen in die Wasserversorgung und in die wasserwirtschaftlichen Grundlagen auch höher sein, als sie heute sind, um unseren Standort zu erhalten.

Für mich ist Wasser deshalb einer der Schwerpunkte meiner Arbeit. Die Nationale Wasserstrategie ist kein Papier für die Schublade, sondern ein Programm. Wasser spielt auch eine zentrale Rolle beim Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz und im Meeresschutz. Immer wenn die Natur übernutzt oder zerstört worden ist, müssen wir sie wiederherstellen. Das steht heute in Deutschland und Europa auf der umweltpolitischen Tagesordnung.

Hier hat es schon vor Jahrzehnten begonnen: mit dem Umbau der Emscher. 30 Jahre lang wurde der Fluss auf mehr als 80 Kilometern Länge renaturiert, nachdem auch er als Abwasserkanal genutzt worden war. Jetzt gibt es wieder Fische im Fluss. Man kann hier spazieren gehen und Rad fahren. Das war eine Investition in die Gesundheit und die Lebensqualität der ganzen Region.

Wir haben die Veränderungen unserer Gesellschaft selbst in der Hand. Wir müssen weiter alles dafür tun, uns und unseren Kindern eine Zukunft mit einem stabilen Klima und unter lebenswerten Bedingungen zu ermöglichen: Mit dem Ausbau der Erneuerbaren Energien und ihrer Nutzung für die Industrie, für die Mobilität und das Wohnen. Mit einer echten Kreislaufwirtschaft. Und eben mit der Umsetzung der Nationalen Wasserstrategie.

All das sind Jahrhundertaufgaben, an denen mein Haus im Austausch mit Ihnen und anderen Akteuren maßgeblich mitwirkt. Ich bin sicher, dass der Lippeverband auch in den nächsten 100 Jahren dafür sorgen wird.

Alles Gute für die Zukunft und Glück

Informationen

Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz

Natur stärken – Klima schützen

02.07.2026 | Rede Naturschutz
https://www.bundesumweltministerium.de/RE11834
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